Roman · Manuskript abgeschlossen
Die Vögel aus Lindenholz
In der Werkzeugkiste ihres Großvaters findet eine Geschichtslehrerin einen dunklen, hastig geschnitzten Holzvogel. Er führt sie zu einer Geschichte, die ihr Großvater sein Leben lang verschwiegen hat.
Leseprobe aus Kapitel 1
Die Kiste steht im Keller, seit fast fünf Jahren.
Wie lange genau, weiß ich, weil ich damals das Datum auf den Zollaufkleber geschrieben habe: Angekommen aus New York, 18. Oktober. Ich hatte den Stift in der Hand, während der Spediteur die Kiste vor der Kellertür abstellte. Ich schrieb das Datum ordentlich auf den Aufkleber, als wäre das eine Erklärung. Als könnte ein Datum sagen, was man mit den Dingen darin machen soll.
Seitdem gehe ich an der Kiste vorbei. Manchmal streife ich mit der Hand über den Deckel, wenn ich nach den Kartoffeln oder dem Waschmittel suche. Manchmal bleibe ich kurz stehen und betrachte den vergilbten Aufkleber. Aber öffnen tue ich sie nicht. Ich sage mir, dass ich gerade keine Zeit habe. Dass ich erst das Regal ausräumen muss. Dass ich einen passenden Karton für den Inhalt brauche. Es gibt immer einen Grund.
Und darunter liegt der eigentliche: Ich habe nicht den Mut, hineinzusehen.
[…]
Ich ziehe das Bündel aus der Kiste. Es ist leicht. So leicht, dass ich zuerst denke, der Stoff sei leer. Ich breite das Tuch auf meinen Knien aus und falte die Ecken auseinander.
Darin liegt ein Holzvogel.
Er ist schief geschnitzt, aber anders als der Vogel, den ich kenne. Das Holz ist dunkler und grau geworden. Der Schnabel ist kaum mehr als eine Kerbe. Auf dem Rücken verlaufen hastige Schnittspuren. Am linken Flügel sitzt ein tiefer Einschnitt.
Mein Daumen bleibt an der Kerbe hängen.
Das Manuskript ist abgeschlossen und wird gerade gegengelesen. Verlage und Agenturen erreichen mich unter kontakt@juliasonnenwald.de.
© Julia Katharina Sonnenwald. Die Leseprobe darf nicht ohne Erlaubnis weiterverbreitet werden.